Skip to content

VIADUKT e.V. – Hilfe für psychisch kranke Menschen

1979 wurde der Förderverein für psychosoziale Hilfe Göppingen e.V. gegründet. Seit 2002 wurde der Verein in Viadukt – Hilfen für psychisch Kranke e.V. umbenannt. Florian Kraus, Teamleiter des Vereins, geht im Gespräch unter anderem auf die Hintergründe zur Gründung des Vereins genauer ein, spricht über Herausforderungen, mit denen betroffene Menschen zu kämpfen haben oder erklärt, welche Angebote es für Angehörige psychisch Erkrankter gibt.
Inhalt & Quicklinks

Gründung und Angebote des Vereins

prisma: Herr Kraus, wie und warum kam es zur Gründung von VIADUKT?

Florian Kraus: 1975 wurde die Psychiatrie-Enquête im Auftrag des Bundestags veröffentlicht, in dem Kritik an stationären psychiatrischen Einrichtungen festgehalten wurde (u.a. veraltete Bausubstanz, überfüllte Stationen, mangelhafte sanitäre Anlagen, fehlendes Fachpersonal). Auf dieser Grundlage wurden 1980 bis 1985 500 Mio. DM zur Verfügung gestellt zur Schaffung der psychiatrischen Angebote im Sinne des Psychiatrie-Enquête-Vorschlags. 

Dieses Vorhaben, heute als gemeindenahe Psychiatrie bekannt, fand bei den CDU/CSU-regierten Bundesländern zunächst kaum Anklang. 1988 legte die Expertenkommission weitere Details der gemeindenahen Psychiatrie fest: Niedergelassene Nervenärztinnen und -ärzte, Institutsambulanzen, sozialpsychiatrische Dienste, beschützte Wohn- und Arbeitsangebote, Tagesstätten, Tageskliniken und stationäre gemeindenahe Einrichtungen. 

Somit wurde 1979 der Förderverein für psychosoziale Hilfe Göppingen e.V. durch “Psychiatrieprofis” gegründet. Das gemeinsame Ziel war die Verhinderung des “Drehtüreffekts” in der Psychiatrie. 2002 wurde der Verein in Viadukt – Hilfen für psychisch Kranke e.V. umbenannt.

prisma: Welche Art von Unterstützung bietet der Verein genau an?

Florian Kraus: Viadukt bietet unter anderem Assistenzleistungen im Wohn- und Sozialraum (früher: ambulant betreutes Wohnen) an. Hier werden die Klientinnen und Klienten in der eigenen Wohnung oder in Wohngemeinschaften von Viadukt betreut. Ihnen wird die Möglichkeit geboten, außerhalb von einem stationärem Rahmen ein weitgehend normales Leben mit bedarfsorientierter Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags zu führen. 

Zudem gibt es bei Viadukt das Jakob van Hoddis Haus, das als besondere Wohnform gilt. Während es bei den Assistenzleistungen im Wohn- und Sozialraum am Wochenende, an Feiertagen und nachts keinen Bereitschaftsdienst gibt, gibt es im Jakob van Hoddis Haus auch am Wochenende und an Feiertagen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und es gibt eine Nachtbereitschaft im Haus. 

Ein weiteres Angebot stellt die Sozialpädagogische Familienhilfe dar. Unsere Sozialpädagogischen Familienhelferinnen und -helfer beraten Familien im Alltag, bieten Unterstützung bei der Stärkung von Erziehungskompetenzen, begleiten durch Konflikte und helfen bei der Überwindung von Krisen. Das Angebot richtet sich an chronisch psychisch kranke und/oder suchterkrankte Eltern und ihre Kinder. Zudem bietet Viadukt spezielle Konzepte für Menschen mit Borderlineerkankung, für Menschen mit einer psychischen Suchterkrankung und für jüngere Menschen an. Hierzu gibt es Wohngemeinschaften mit einem speziellen Konzept. Es werden auch verschiedene Gruppenangebote angeboten, z.B. das PAN-Projekt, ein Freizeitprogramm für alle Altersklassen, die Skillsgruppe für Borderlineerkrankte, eine Koch- und Backgruppe, Schwimmgruppe, Monatsausflüge und noch viele weitere Gruppenangebote. 

Viadukt bietet in Göppingen sowie in Geislingen den “Lichtblick” an. Hierbei handelt es sich um einen niederschwelligen Tagestreff, bei dem die Klientinnen und Klienten sowie Menschen, die nicht von Viadukt betreut werden, zusammen sitzen können, Spiele spielen können, günstig zu Mittag essen, ihre Wäsche waschen und bei Bedarf mit Sozialarbeiterinnen und -arbeitern sprechen können. Für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung bieten wir das Autistenspielecafé an, bei dem sich die Betroffenen untereinander austauschen können, Spiele spielen können und gemeinsam Dinge unternehmen. Bald kann zudem ein Gebäude im Rahmen des Autistenwohnprojekts bezogen werden. Hierfür wird derzeit ein Haus gebaut, in dem alles auf Autistinnen und Autisten ausgerichtet ist, z.B. kein zu grelles Licht sowie Schallschutz.

Leben mit der Krankheit

prisma: Welche Herausforderungen stellen chronisch psychisch Kranke und schwerbehinderten Menschen typischerweise gegenüber, und wie versucht Viadukt, diesen Herausforderungen entgegenzuwirken?

Florian Kraus: Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden oftmals an den Symptomen der Erkrankung und werden vor die Herausforderung gestellt, einen Umgang mit der Erkrankung zu finden. Hierzu unterstützt Viadukt die Klientinnen und Klienten durch Einzelgespräche mit der Bezugsbetreuerin  oder dem Bezugsbetreuer sowie mit Gruppentrainings. 

Auch stehen diese Menschen oftmals Stigmatisierung durch die Gesellschaft entgegen. Hierzu leistet Viadukt Öffentlichkeitsarbeit. Auch führt Viadukt das Schulprojekt „Verrückt – na und?!“ durch. Bei diesem besuchen zwei Sozialarbeiterinnen oder Sozialarbeiter gemeinsam mit Expertinnen und Experten, die selbst eine psychische Erkrankung haben, Schulklassen und gestalten dort einen Tag mit den Schülerinnen und Schülern. Damit sollen diese über psychische Erkrankungen aufgeklärt werden.

prisma: Gibt es spezielle Bildungs- und Aufklärungsinitiativen von Viadukt, um das Bewusstsein für psychische Gesundheit und Behinderung in der Gemeinschaf t zu fördern?

Florian Kraus: Ja, am Tag der seelischen Gesundheit, dem Tag der Suizidprävention und am Tag der Gleichstellung bietet Viadukt verschiedene Aktionen an, um das Bewusstsein für psychische Gesundheit und Behinderungen zu fördern und mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. In der Vergangenheit gab es beispielsweise Vorträge von Expertinnen und Experten oder Gewinnspiele mit Fragen zur psychischen Gesundheit. Auch das oben beschriebene Schulprojekt gehört zu den Aufklärungsinitiativen von Viadukt. Zudem gibt Viadukt jedes Jahr ein Magazin heraus, in dem es um verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit geht.

prisma: Gibt es auch Angebote oder Ressourcen für Familienangehörige von Menschen, die von Viadukt betreut werden?

Florian Kraus: Zum einen bietet Viadukt das KANU-Projekt an, das sich an Eltern mit psychischen Erkrankungen richtet. Es handelt sich hierbei um eine psychoedukative Gruppe, bei der die Eltern nützliche Inputs über den Umgang mit ihren Kindern erhalten und sich auch untereinander austauschen können. Währenddessen werden die Kinder in einem separaten Raum betreut, damit die Eltern die Möglichkeit haben, an der Gruppe teilzunehmen. Außerdem besteht die Möglichkeit für Familienangehörige mit den Bezugsbetreuerinnen und -betreuern zu sprechen und sich auszutauschen.

Die Arbeit des Vereins

prisma: Den Verein gibt es nun schon seit über 40 Jahren. Mit welchen Herausforderungen war man in dieser Zeit konfrontiert?

Florian Kraus: Der Verein war zu Beginn herausgefordert, sich als nicht-stationäre Einrichtung in der Gesellschaft zu etablieren. Zudem muss sich der Verein immer an die aktuelle Zeit und den Bedarf der Gesellschaft und der Klientinnen und Klienten anpassen und auf Grundlage dessen neue Konzepte und Angebote schaffen. Auch das Entgegenwirken gegen Stigmata war und ist auch heute noch eine Herausforderung, mit dem Viadukt konfrontiert wird.

prisma: Wie viele Festangestellte hat der Verein und womit beschäftigen sich diese? 

Florian Kraus: Momentan hat Viadukt 79 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hinzu kommen noch die Studierenden der sozialen Arbeit und die Auszubildenden für die Heilerziehungspflege. Die Hauptamtlichen haben Bezugsklientinnen und -klienten, mit deren Betreuung sie betraut sind. Hierbei werden die Klientinnen und Klienten je nach Bedarf in alltagspraktischen Aufgaben unterstützt, etwa bei Amtsangelegenheiten und es werden Gespräche geführt über deren Belange. Das Ziel der Betreuung ist gemäß dem Leitbild von Viadukt die Verselbstständigung, die Teilhabe an der Gesellschaft und die Inklusion in dieser. Es werden auch Ehrenamtliche beschäftigt, vor allem in dem Tagestreff Lichtblick sowie im Autistenspielecafé. Auch bietet Viadukt Plätze für Bundesfreiwilligendienstleistende an.

prisma: Können Sie ein konkretes Beispiel für eine positive Auswirkung aufzeigen, die der Verein auf das Leben einer betreuten Personen hatte?

Florian Kraus: Seit geraumer Zeit betreut Viadukt einen jungen Mann mit Autismus-Spektrum-Störung und einer schizoaffektiven Störung. Er gab an, dass er durch  Viadukt “aus seinem Winterschlaf aufgewacht” sei. Er hatte jahrelang kaum Sozialkontakte und war relativ abhängig von seinen Eltern. In der Betreuung konnte erreicht werden, dass er regelmäßig am Autistencafé und an den Freizeitangeboten teilnimmt. Zudem hat er große Fortschritte in alltäglichen Fertigkeiten gemacht. Er ist inzwischen imstande, selbstständig den Haushalt zu führen. Zudem plant er, in das Autistenwohnprojekt einzuziehen, wodurch er das erste Mal komplett alleine wohnen würde. Auch im Umgang mit seiner Erkrankung hat er ein besseres Verständnis für Frühwarnzeichen mit Hilfe der psychoedukativen Gruppen und den Bezugsbetreuerinnen und -betreuern erlangen können.

Kooperationen und Unterstützung

prisma: Gibt es Partnerschaften oder Zusammenarbeiten mit anderen Organisationen im Gesundheitswesen oder Sozialbereich oder mit Gemeinden oder dem Landkreis?

Florian Kraus: Viadukt kooperiert neben Ärztinnen und Ärzten, der Lebenshilfe und dem Christophsbad mit allen sozialen Unterstützungsinstitutionen im Landkreis. Es besteht auch eine Kooperation mit der Elterninitiative “Autisten Initiative Göppingen” und mit Aktion Mensch und dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.

prisma: Wie kann man den Verein unterstützen?

Florian Kraus: Viadukt braucht zur Erfüllung der Aufgaben die Unterstützung von Ehrenamtlichen. Diese unterstützen die Mitarbeitenden maßgeblich in der Tagesstätte Lichtblick oder bei Freizeitaktivitäten. Für das Kinderprojekt KANU wären Patinnen und Paten für die Kinder sehr hilfreich. Sach- sowie Geldspenden unterstützen die Betreuungsarbeit in den Bereichen, die sonst nicht finanziert werden könnten.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kraus.

Schützenstraße 24

73033 Göppingen

Bildnachweis

© Viadukt – Hilfe für psychisch Kranke e.V.

Hier gibt’s noch mehr Artikel